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19Oct/99

011 spremberger strasse

neugestaltung der spremberger straße, cottbus; wettbewerb, ankauf

cottbus s altstadt ist eingeschnürt
die mittelalterlichen graben- und wallanlagen, halten als vegetationsgürtel noch heut die altstadt gefangen. erst in der jüngeren vergangenheit gelang mit einer fussgängerbrücke, die passage der vermeintlichen grünen hölle gefahrlos zu ermöglichen. für die nahe zukunft versprechen zerbauvorhaben das aufsprengen der unerträglich scheinenden grünen halskrause, deren fraktale dann endlich, beabsichtigt oder beiläufig, in grund und boden bebaut werden können. rege bautätigkeiten werden verwischen bald die historischen grenzen und endlich, wenn irgendwo nach verlassen der stadtgrenzen erst grün es wird, kurz vor berlin, dann ist cottbus doch eine grosse stadt gewesen.

cd s knistern nicht
baue man die sprem zur überdachten mall um, dann fehlt ihr genau das, woran irgendwann die stadtumlandeinkaufscenter ihre besucherrückgänge festmachen werden, dann fehlt ihr das knistern. cd s haben nur auf einer seite musik, knisterfrei. ein buntes bild auf der anderen seite. bei schallplatten knisterts auf beiden seiten. vorne sind meist die hits, auf der rückseite die zu entdeckenden inconnus, die träume und gärten und parks,
in welchen schweben und flanieren man kann, bei wirklich guten platten zumindest.

im auge des taifun
die sprem hat ihre publikumsmagneten. gleich übern stadtpark hinüber, ein kaufhaus, ein bekleidungshaus, eine einkaufspassage. die sprem hat ihre publikumsmagneten. sie hat nicht selbst einem dimensionensprengendes
kaufhaus ihre adresse zu gewähren. believe in what you are.

imperiale sturmtruppen
in einer zeit, in der es kein gesetz und keinen willen gegeben zu haben scheint, denn das gesetz der macht des geldes, in einem land welches lang zu lang vor sonderangebote versprechenden imperialen sturmtruppen behütet wurde, (…).

pflasterung
auf der sprem fliesst alles zusammen, von hier geht alles aus. die sehr unterschiedlichen beläge der angrenzenden und einmündenden strassenund platzräume lassen sich nur mit einem masstabsverwandten belag, homogener färbung aufnehmen und miteinander verbinden. mit einer diskreten unschärfe betrachtet erscheint die pflasterung zunächst als homogener schwarzgrauer, basaltfarbiger kleinsteinbelag, als noble, doch zu vielfältigen nutzungen neutral sich verhaltende bühne.

betrachte man das bodengelege näher, so wird die ausrichtung des, mitnichten homogenen, steinmaterials erkennbar, mit der sprem mitfliessend, den weg seiner nutzer begleitend. in der materialgerechten differrenzierung ihrer oberflächen sind natur- und kunststein, basalt [rauh/matt und glitzernd] mit kunststein [speckig/ glatt und glänzend] miteinander verwoben, das homogene gelege entpuppt sich als edel gewirktes gewebe, dessen messinglinien [baumgitter/ kellerfenstergitter/ entwässerungsrinnen] es als güldene fäden durchziehen.

ein veredelungsprodukt des bedeutendsten bodenschatzes brandenburgs als paten entspricht der schwarzgraue kunststein in abmessung farb- und formgebung denen eines lausitzer braunkohlestaubpresslings. die serielle fertigung erlaubt die ortsbezogene prägung der steine, sichtbetonqualität, unter einhaltung eines vertetbaren kostenrahmens.

inseln
als antagonisten zur nutzungsneutralität des belags künden grüne oasen von der verweil- und aufenthaltsfunktion des städtischen wohnzimmers, konzentrieren desweiteren sämtliche versorgungseinrichtungen, die gesamte stadtwohnzimmereinrichtung [sitzmöbel, beleuchtung, wertstoffsammlung, erfrischung, fernsprecher], gliedern, in diesem aufräumen & konzentrieren, die sprem.

von einem auswechseln der bepflanzung soll zugunsten der ablesbarkeit der vegetationsperiodik abgesehen werden, eine festdekoration [ostern, weihnachten] ist jedoch ausdrücklich gewünscht.
die interne bewässerung der hügelbeete sichert dem bewuchs optimale wachstumsbedingungen zu, sichert ihn vor betreten und besitzen.

beleuchtung
eine flächig gleichmässige leuchtdichtenverteilung führt unweigerlich zu einer  reizminimierung, wie sie allenfalls für sehaufgaben [kfz-verkehr…] als sinnvoll erachtet werden kann. das spiel unterschiedlichster leuchtdichten, vom sonnenlichtlicht zum schatten, ist, mit technisch und energetisch bedingten einschränkungen, auch der beleuchtung der sprem mit kunstlicht zugrunde zu legen:

bereiche von hohen leuchtdichten wechseln sich mit dunkleren zonen, reflektierende mit lumineszierenden flächen ab, machen helligkeit, licht erlebbar, markieren, inszenieren und gliedern sprem und schlosskirchplatz:
-angeleuchtete objekte und raumkanten [schlosskirche, turm, stadtregal] -unterleuchtete bäume [schlosskirchplatz] -inseln als beleuchtete leuchtörper
-schaufenster als leuchtkörper
-durchgänge als leuchtkörper

die verbindung sprem – stadtpromenade wird desnachts von den illuminierten durchgängen eröffnet, und durch den grünen gürtel hindurch bis zum neuen zentrum mit der ikone stern mit lichtpunkten begleitet.
verbunden mit konventionellen strassenleuchten wird somit ein lichtteppich gewoben welcher die sprem auch nachts in ihrer umgebung verankert.

bäume
die bestehenden bäume auf dem schlosskirchplatz werden ergänzt und durch ein, die schlosskirche rückwärtig fassendes baumgitter miteinander verbunden. die entwässerung des schlosskirchplatzes geschieht über diese rinne zunächst als versickerung, erst grössere niederschlagsmengen überfliessen in die kanalisation

stadtregal
das stadtregal könnte ein »besitzbare« treppe sein. bühne und aussichtsturm. beweglich, verschiebbar. aus holz.
wie ein schwimmendes theater mit blick in die sprem. von turm zu turm. wehrturm in der stadt. angriff, abwehr.
mittelalter und dann doch harmloses möbel.

verkaufs- und schankflächen
die vorhandenen einfriedungen der freischankflächen mit pflanztrögen etc. werden von allabendlich einfachst rückbau- einklapp-/ einrollbaren  freibereichen unter einsatz von baldachinhaften membrankonstruktionen ersetzt. geschäfte ohne freibereichsambitionen sind sofern erwünscht mit sprachverwandten markisen ausrüstbar. die gastronomiemöbilierung ist auf klapp- und verräumbares mobiliar zu beschränken.

terrasse
das sorat hotel erhält als ersatzbaumassnahme für das inakzeptable freisitzbauwerk eine flächengleiche leichte stahl-/ holzkonstruktion einschliesslich rollirampe. eine bar unter dieser konstruktion erweitert das nächtliche angebot der gehobenen innenstadtnachtgastronomie.

preisgerichtstext
die arbeit entwickelt eine äusserst plakative, einprägsame grundidee.
es ist eine stadtlandschaft mit unbehindertem raumerlebnis entworfen, in welcher der boden der spremberger strasse, in anlehnung an einen veredelten braunkohlestaubpressling, dem schwarzen gold der lausitz, in schwarz-grauer färbung entstehen soll, um die spremberger strasse in das netz der angrenzender srassen homogenisiert einzubinden.
sparsam eingestreute grüne oasen als antagonisten zur farbigkeit und nutzungsneutralität des belags künden laut von der verweil- und aufenthaltsfunktion eines »städtischen wohnzimmers«. mit den inseln gelingt eine verortungsstrategie von elementen einer fussgängerlandschaft, die sich in aller regel der gestaltung aentziehen, wie mülleimer, blumenkübel, schilder etc.
gleichwohl ist bei den inseln auf die ablesbarkeit der vegetationsperioden geachtet und der damit verbundene wandel der erscheinung lebendig im sinne eines naturlehrpfades inszeniert.
in diesem sinne ist auch die vorgetragene intervention vor dem sorat-hotel als provozierende anregung zu verstehen.
die spremberger strasse wird in ihrer nutzung adäquat, einem »stadtwohnzimmer« der jugendkultur nahestehend interpretiert. die vorgeschlagenen non-vomercial services treffen sicher den benutzeranspruch an den öffentlichen raum. von besonderem reiz ist, dass inhalt und darstellung der arbeit eine gemeinsame sprache sprechen. es ist die leichte subversion des comic, der mit witz aber auch souverän mit bestehnden stadtauffassungen spielt.
die arbeit besticht in der schlüssigen formulierung einer lebendigen, frischen stadtkultur. sie erhält ihren wert nur in der extremen konzeptionellen polarisierung. hierin liegt aber gleichzeitig auch ihre schwäche, die herstellung  einer breiten akzeptanz und identifikation mit dem projekt ist fragwürdig. gleichwohl ist die arbeit in der lage der spremberger strasse eine eindeutigkeit und unverwechselbarkeit zu verleihen..